Montag, 14. November 2022

Zwei Corona-Frauen (XLIX)

 

   11. November 2022.
Gesund sein ist nicht immer gut

"Damals bin ich leider meistens gesund gewesen", dreht Frau Meier den Zeitungsausschnitt um und fragt ihre Freundin, ob sie damals auch mit Flüssiggas geheizt hat. 

"Wie kommst du denn darauf?", nimmt Frau Schulze ihrer Freundin den Zeitungsausschnitt aus der Hand und liest, was auf der anderen Seite steht und das eigentlich Ausgeschnittene ist. "Ich habe damals bei Aldi nur eine Dose davon gekauft. Wie man aus flüssig gewordenem Gas wieder eine gasförmige Flüssigkeit macht, konnte mir aber nicht einmal mein ehemaliger Chemielehrer erklären. Er hatte es probiert und war dann umgezogen." 

Frau Meier, die vorübergehend vergessen hat, dass sie sich eigentlich über ihre Gesundheit Ende 2022 beklagen wollte, interessiert sich nun scheinbar eher für das Schicksal des ehemaligen Chemielehrers von Frau Schulze.

"Warum umgezogen?"

"Er wurde damals von einem Schnellgericht zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt, weil das Haus, in dem er wohnte, in die Luft geflogen war."

"Bei Netto gab es damals einige sehr leckere."

"Gefängnisse?"

"Nein. Schnellgerichte. Ich mochte besonders den Höllenhund. War der scharf."

Frau Schulze hat auch damals diesen Höllenhund nicht gemocht. Sie mag ihn immer noch nicht. Wenn sie etwas nicht mag, wechselt sie das Thema.

"Anfangs hast du gesagt, dass du 2022 leider meistens gesund gewesen bist. Warum leider?"

"Weil ich als Kranke nicht so oft isoliert worden wäre."

"Wegen dieses Kompromisses, den der Bundesgesundheitsminister mit den Ländern geschlossen hat?"

"Genau. Da es vier Bundesländer gab, die Kranke nicht mehr isolieren wollten, verpflichteten sich vier andere Bundesländer, Gesunde nicht mehr zu isolieren. Daraufhin preschten vier weitere Bundesländer vor und isolierten keine Kranken mehr, die nicht älter waren als 40, während die restlichen vier Bundesländer Gesunde isolierten, die jünger waren als 80."

"Und dazu gehörte unser Bundesland. Da ich meistens krank war, musste ich mich zur Arbeit schleppen, während du als meistens Gesunde die Beine hochlegen konntest." 

Die zwei Corona-Frauen (L)



  

Montag, 10. Oktober 2022

Zwei Corona-Frauen (XXXXVIII)

10. Oktober 2022

Eine Seuche ohne Plünderungen

"Irgendwo müssen sie doch sein", nimmt Frau Meier im Schlafzimmer auch noch ihre Unterwäsche aus der Schublade ihres Kleiderschrankes.

"Was suchst du denn?", fragt Frau Schulze.

Frau Meier dreht sich kurz um. Sehr kurz. Wühlt weiter.

"Die Kontoauszüge für die Mietüberweisungen aus den Jahren 2020 und so weiter."

Frau Schulze liegt zu bequem auf dem Bett von Frau Meier, um sich ebenfalls an der Suche zu beteiligen. 

"Was für Mietüberweisungen?"

"Für die Lagerhalle, die wir im Viertel damals gemietet haben. Für Toilettenpapier."

Nun erhebt sich Frau Schulze doch. Aber nur leicht.

"Ich habe damals im Fernsehen den Film ´Contagion´ von Steven Soderbergh gesehen. Es ging um einen Virus, der mich doch sehr an Corona erinnerte. Die Leute gerieten in Panik, plünderten Geschäfte, ein blogger wurde reich mit dem Verkauf eines Wundermittels, das allerdings völlig wirkungslos war."

Nun dreht sich Frau Meier länger um.

"Dieser Regisseur hat sich eben geirrt. In solchen Zeiten kaufen die Deutschen Toilettenpapier und freuen sich, wenn sie noch etwas bekommen. Wenn nicht, kommen sie am nächsten Tag wieder."

"Warum eigentlich?"

"Weil es dann auch Deutsche gibt, die behaupten, dass es das Virus gar nicht gibt. Das beruhigt. Und nicht ein blogger, die Pharmaindustrie wird reich."

"Mit wirkungslosen Mitteln?"

"Dazu sage ich jetzt nichts. Ich hab sie."

Frau Schulze legt sich wieder bequem aufs Bett.

"Da ist der Beweis. Wir haben die Lagerhalle damals für 30 Jahre gemietet und bezahlt. Steh auf. Wir schauen mal nach, wie viel Toilettenpapier in der Halle ist. Die anderen aus dem Viertel sind inzwischen ja fast alle tot."

Zwei Corona-Frauen (XLIX)


Dienstag, 27. September 2022

Zwei Corona-Frauen (XXXXVII)

 

23. September 2022

Viele schöne Friedhöfe

"Nun komm doch endlich mal in Schwung", werden die Knöchel an der rechten Hand von Frau Meier, die seit Minuten die Türklinke umfasst, schon weiß. "Wir wollten uns doch den neuen Friedhof anschauen."

"Du weißt doch", antwortet Frau Schulze und zählt noch einmal die Blumensträuße, die sie am Mahnmal der vergessenen Impfungen niederlegen will, "seit im September 2022 Corona wieder in Schwung gekommen ist, macht mir dieses Wort Probleme."

"Aber das war doch gar nicht so schlimm", lockert Frau Meier den Griff. "Die Krankenhäuser haben doch kaum Probleme bekommen. Und das war doch von Anfang an das Ziel der Maßnahmen gewesen."

Frau Schulze legt die Blumensträuße weiter auseinander.

"'Eins, zwei...Ja, weil die Krankheitsverläufe nach den Impfungen milder waren. Aber trotzdem."

"Genau. Die Leute starben viel früher an Corona. Nun aber los. Immerhin haben wir deshalb viele schöne Friedhöfe bekommen. Der neue soll besonders schön sein."

Die zwei Corona-Frauen (XXXXVIII)